Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Kultur / Medien Das Bauhaus Dessau 1926 – 1932 und der Kulturkampf von rechts

Die szenische Lesung am 19.11.2017 fragt nach den Besonderheiten des Lebens, Lernens, Lehrens und Schaffens am Bauhaus und rekonstruiert anhand von Originalzitaten und zeitgenössischen Zeitungsartikeln die Debatten um das Bauhaus Dessau. Dabei erweisen sich viele Aussagen der damals Beteiligten als erstaunlich aktuell.

Ankündigung:
Das Bauhaus Dessau 1926 – 1932 und der Kulturkampf von rechts

Eine szenische Lesung anlässlich  der Vertreibung des Bauhauses aus Dessau vor 85 Jahren
Sonntag, 19.11.2017, 16.00 Uhr
Aula im Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, 06846 Dessau
Von und mit Judith Kruder, Ensemble Theatrum (Dramaturgie & Rezitation),
Thomas Zieler (Rezitation) Florian Claus (Klavier)
Historische Recherche: Dr. Lars Breuer | Idee: Swen Knoechel

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Die NSDAP trat zur Gemeinderatswahl am 25. Oktober 1931 mit folgender Forderung an: „Wir fordern deshalb größte Sparsamkeit und … sofortige Streichung sämtlicher Ausgaben für das Bauhaus“. Zudem sollte „der Abbruch des Bauhaus sofort in die Wege geleitet“ werden. Kaum ein Jahr später – vor 85 Jahren wurde die erste Forderung umgesetzt.

Im August 1932 beschloss der Gemeinderat von Dessau auf Antrag der NSDAP-Fraktion das Ende des Bauhauses in Dessau. Dem vorangegangen war eine jahrelange Kampagne der Rechten gegen den „Baubolschewismus“. Lehrende und Lernende versuchten, mit ihrem kreativen und künstlerischen Engagement den zerstörerischen Kräften standzuhalten, Bauhaus-Befürworter traten in Politik, Industrie und Gesellschaft für die Institution ein. Im Sommer 1932 spitzte sich die Entwicklung jedoch zu. Die NSDAP hatte in Anhalt in Koalition mit den Deutschnationalen erstmals eine Landesregierung übernommen. Eine Gruppe hochrangiger NS-Funktionäre inspizierte das Bauhaus, Hitler trat vor über 30.000 Zuhörer in Dessau auf, 80.000 SA-Leute marschieren in der Stadt auf und auch bei den Reichstagswahlen im Juli wurde die NSDAP stärkste Fraktion. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse votierte die Mehrheit des Gemeinderates – gegen die Stimmen der KPD-Abgeordneten und bei Stimmenthaltung der SPD-Fraktion – gegen eine Weiterfinanzierung der von Ludwig Mies van der Rohe geleiteten Kunst, Design und Architekturschule. Das Bauhaus Dessau
wurde zum 1. Oktober 1932 geschlossen.

Die szenische Lesung fragt nach den Besonderheiten des Lebens, Lernens, Lehrens und Schaffens am Bauhaus und rekonstruiert anhand von Originalzitaten und zeitgenössischen Zeitungsartikeln die Debatten um das Bauhaus Dessau. Dabei erweisen sich viele Aussagen der damals Beteiligten als erstaunlich aktuell.

Das Bauhaus – ein politisch unliebsames Projekt
Das Bauhaus ist trotzdem nicht weniger als dreimal in seiner kurzen Geschichte aus politischen Gründen geschlossen worden; und dies sicher nicht, weil einige seiner Studierenden randaliert oder sich an Aufmärschen und Maiversammlungen beteiligt haben. Es ist geschlossen worden, weil sein Programm überkommene Strukturen infrage stellte, weil es in der Ausbildung neue Wege ging und weil es in Gestaltung und Architektur zur europäischen Avantgarde gehörte. Es ist geschlossen worden, weil die politischen Kräfte der Mitte und links der Mitte, die seine Arbeit ermöglichten – in Weimar die von sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien getragene thüringische Regierung, in Dessau der demokratisch geführte Magistrat unter Oberbürgermeister Hesse Macht und Einfluß an ihre reaktionären Gegner verloren, die zugleich erklärte Feinde des Bauhauses waren. Diesen Gegnern paßte die ganze Richtung nicht – das Programm ebensowenig wie der Lehrkörper, die experimentelle Arbeit ebensowenig wie die internationale Studentenschaft. Ihnen galt das Bauhaus letztlich so der Kampfbegriff aus der NSPropaganda als „kulturbolschewistisch“.
aus: Peter Hahn, „Bauhaus Berlin“ (1985)

„Vom Dessauer ‚Kultur‘Institut“, Anhalter Woche 9. November 1930
Man braucht nur einmal abends der Negermusik im Bauhaus (einer‚Hochschule‘!) zu lauschen. Dann hat man von den lebendigen Kräften genug. Wie die Musik, genauso undeutsch ist die ‚Kunst‘ des
Bauhauses, sofern man eben die wahre Kunst erniedrigen will und sie mit dem Bauhaus in Verbindung bringt. Reden wir nicht von der Bauhaus Architektur mit ihrer seelenlosen Technik, die Gemütswerte des deutschen Hauses so völlig entbehrende Wohnzellen schuf. […] Ewig wird in Dessau das Andenken daran bleiben, daß es einmal ausgesprochen werden durfte, daß ein solches Institut‚ eine Propaganda für die Entwickelung der Stadt‘ sein sollte! Daß das der
Stadtchef selbst aussprach, ist doppelt tragisch. Artikel aus der „Anhalter Woche“ vom 9. November 1930