Nachricht | Bericht zu "Józef Piłsudski - Kritik und Würdigung" mit Holger Politt

Dr. Holger Politt im Magdeburger Rathaus

Die RLS Sachsen-Anhalt, das RLS Büro Warschau und die Stadtratsfraktion DIE LINKE/future!
hatten am 18.6.2019 zum Thema in das Kaiserin-Adelheid-Foyer des Magdeburger Rathauses eingeladen. Das Thema: "Józef Piłsudski - Kritik und Würdigung" mit Holger Politt, Leiter RLS Büro Warschau

Josef Pilsudski gehörte vor dem ersten Weltkrieg zu den führenden Persönlichkeiten des national ausgerichteten Flügels der polnischen Arbeiterbewegung und damit zu den Gegenspielern Rosa Luxemburgs. Da er die Kooperation mit dem deutschen Kaiserreich während des Ersten Weltkrieges verweigerte, wurde er in Magdeburg interniert. Nach 1918 gehörte er zu den entscheidenden Verfechtern und Gründern der polnischen Republik. Umstritten ist sein von Teilen der Arbeiterbewegung mitgetragener Putsch 1926. Auch wenn er diktatorisch regierte und etwa die Kommunistische Partei Polens verbieten ließ, war sein Regime mehr autoritär als totalitär ausgerichtet und stützte sich nicht auf die Verfolgung nationaler und religiöser Minderheiten. In der Sozialpolitik war die polnische Republik unter Pilsudski im internationalen Vergleich vorbildlich. In den 1930er Jahren versuchte Pilsudski eine Politik des Ausgleichs zwischen der SU und Deutschland, wobei er bei der Einschätzung des Dritten Reiches einer weitreichenden Fehleinschätzung erlag.

Holger Politt stellte die widersprüchliche Persönlichkeit Pilsudskis vor und plädierte für eine differenzierte Einschätzung. Er regte an, in Magdeburg an geeigneter Stelle an die Festungshaft Pilsudskis zu erinnern, ohne Geschichtsklitterung zu betreiben. 

Manche der Teilnehmenden zeigten sich von der Diskussionsoffenheit der Stiftung positiv überrascht. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zu den verschiedenen Aspekten des Lebens und Wirkens Pilsudskis sowie der Frage, wie dieser Persönlichkeit angemessen gedacht werden könne. Vor allem die Frage des Verhältnisses von nationaler und sozialer Emanzipation, aber auch die Frage von sozialer Gleichheit, politischer Freiheit und Demokratie gerieten dabei in den Fokus. Aufgrund eines Veranstaltungsberichts in „Aspekt“ wurde unzutreffender Weise kritisiert, dass Magdeburg einem „Hitler-Verehrer“ gedenken möchte. Die Kritik zeigt, dass diese Frage innerhalb Magdeburgs weiterhin umstritten ist und Anlass weiterer Veranstaltungen sein kann.