Publikation Sozialökologischer Umbau „Städte der Zukunft“ - Stätte der Zukunft

Fachtagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt am 18.11.2011

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Dezember 2011

Seit 2007, so eröffnete Hendrik Lange (Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt e.V.) die Fachtagung, leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Lande. Das markiert einen nicht nur bevölkerungsstatistisch bedeutsamen Qualitätsumschlag. Die Fragen nach ausreichenden und umweltfreundlichen Energie- und Verkehrssystemen, nach zeit- und zukunftsgemäßem Bauen und Wohnen, nach Produktions- und Lebensweisen von sieben Milliarden Menschen sind völlig neu zu stellen und zu beantworten.  

Im Eröffnungsvortrag wandte sich Dr. Evelin Wittich (Gesprächskreis Nachhaltigkeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin) gegen jegliches Ausweichen vor den gravierenden Gefährdungen, die das Ergebnis der Produktionsweise der letzten 100 Jahre seien: „Ich habe immer wieder Menschen bewundert, die sich Zukunfts-ängsten entgegen stellen“.

Alle RednerInnen der Fachtagung wurden mit konkreten Beiträgen und aus ihrer Tätigkeit gewonnenen Erfahrungen diesem Anspruch gerecht. So wurde diese Veranstaltung erfreulicherweise zu einer ExpertInnenrunde, die sich möglichen Lösungsansätzen für Gegenwarts- und Zukunftsprobleme verpflichtet fühlt.

Praxisbezogene Beiträge kamen nicht nur aus unserem Bundesland, wie z.B. Jörg Dahlke, selbst Unternehmer auf dem Feld des Photovoltaik-Einsatzes und Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien Sachsen-Anhalt e.V. Er sprach über die Arbeit des SCRE (Kompetenz-, Bildungs- und Demonstrations-zentrum für Erneuerbare Energien) in Magdeburg. Dezentrale alternative Energie-Erzeugungen können gelingen, wenn Photovoltaik, Windkraftanlagen, Blockheiz-kraftwerke und Wärmepumpen im Komplex zu einer „Verstetigung der regenerativen Energien“ führen. Da die energetische und ökonomische Wirkung von vereinzelten Insellösungen zu gering ist, sei das Zukunftsweisende, so Dahlkes Ansatz, die technische Komplexität. Das bedingt aber, dass viele Akteure gemeinsam wirken und überregional, ja sogar weltweit vernetzt sein müssen. Mehr

Dass die Mobilität der Menschen ein Teil der öffentlich getragenen Daseinsvorsorge sein sollte und auch kann, zeigte umfassend Christoph Engel (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg) mit seinen Forschungsergebnissen zu lokalen altersgerechten Mobilitätsangeboten. Mehr

Yvonne Lücke(Vorstandsmitglied der vitopia e.G. im Magdeburger Herrenkrug) veranschaulichte, wie Nachhaltigkeit nicht nur ein Wunsch oder eine „Markt-Nische“ bleibt, sondern wie im citynahen Raum der Großstadt auch Möglichkeiten zur „gelebten Wirklichkeit“ entstehen. Mehr

Aus Naumburg im Süden Sachsen-Anhalts kamen Ute Freund und Jens Ringel (MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung) und referierten über Erfahrungen mit bereits heute bestehenden Einsparpotenzialen im kommunalen Energieeinsatz. Mit dem Feldversuch „dimmlight“ wurde eine intelligente Straßenbeleuchtung erprobt.

Aus Hamburg vermittelte Karsten Wessel (Projektkoordinator „Stadt im Klimawandel“, Verantwortlicher für den IBA Dock Hamburg), großstädtisches Flair. Für die inmitten des Hamburger Stadtgebietes liegende Elbinsel Wilhelmsburg ist der Klimawandel bereits eine aktuelle Frage: Eine permanente Gefährdung durch Hochwasser muss heute schon mittels eines acht Meter hohen Deiches abgewehrt werden. Auf genau diesem innerstädtischen Areal entsteht ein Prototyp der kommunalen Anwendbarkeit innovativer Bau- und Energieeffizienz-Technologien. Das ist von grundsätzlicher Bedeutung für, ich bezeichne sie als „Kiez-Lösungen“ in Ballungsgebieten angesichts des Klimawandels. Mehr

Welche praktischen Sorgen Kommunen der neuen Bundesländer beim Ringen um Lösungen der Frage nach Verkehrs- und Energieeffizienz haben, verdeutlichte demgegenüber Rolf Siegmund (Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung Templin/Uckermark, Land Brandenburg). Ein sozial gestalteter Öffentlicher Personennahverkehr führte dort nachweisbar zum Nachlassen des Individual-verkehrs – aber auch zu höheren finanziellen Belastungen für die Stadt.  Mehr

Ebenfalls aus Brandenburg kam Martin Merk (Vorstand der Ökospeicher e.V. aus Wulkow). Er schilderte mit beeindruckenden Bildern ein 20 Jahre währendes bürger-schaftliches Engagement in einem nach der Wende von allem und fast allen verlassenen Dorf. Sein Resultat: aktive Selbstgestaltung des Lebens durch die Gemeinde, erfolgreiche Orientierung auf Ökologie - und es entsteht auch wieder Bevölkerungszuwachs. Merk hob in seinem Beitrag auch hervor: Es kann nicht nur um die Städte der Zukunft gehen. Wo überall Menschen leben, geht es die eine würdige Stätte des Daseins aller – auch über die Gegenwart hinaus.  Mehr

Dass die Kernfrage einer gelingenden Energiewende (zunächst im kommunalen Raum) im solidarischen Miteinander der Beteiligten besteht, hatte bereits zu Beginn der Diskussion Frau Kaj Mertens-Stickel, (Projektentwicklerin für Energie-Genossen-schaften und Leiterin einer in Freiburg/Baden-Württemberg beheimateten Solar-bürgergenossenschaft) in einem beeidruckenden Beitrag aufgezeigt. Aber: Solche von BürgerInnen getragenen Genossenschaften „haben mit schweren, gegen sie gerichteten politischen Geschützen zu kämpfen“.
Sie verwies auf den zur Zeit stattfindenden „größten Gründerboom“ im Bereich der Energiegenossenschaften (über 300 bereits in Deutschland). Neben der unmittelbaren verbraucherfreundlichen Lösung von Energieversorgungsfragen und menschen-freundlichen Preisen bestehen hier noch weitere positive Effekte: die Teilhabe vieler BürgerInnen, die zugleich VerbraucherInnen und ProduzentInnen sein können. Eine von Hochtechnologien und Monopolen dominierte Energiewirtschaft kann sich so hin entwickeln zu Risiko ärmeren und schonenderen Technologien. Mehr
   
Ministerialrat Hans-Dieter Hegener (Leiter des Referats für Bauingenieurwesen, Nachhaltiges Bauen und Bauforschung im zuständigen Bundesministerium) referierte über die Entwicklung und Förderung von Pilotprojekten für Plus-Energie-Häuser, gekoppelt mit Tankstellen zur E-Automobilität. Das, so Hegener, „ist keine Vision mehr, sondern wird Schritt für Schritt zur Realität“. Für die Zukunft der Stadtentwicklung forderte Hegener von vornherein „in die Architektur integrierte Lösungen“, wenn es um Energie- und Verkehrsfragen sowie um die 100%ige Rückgewinnbarkeit aller verwendeten Baustoffe und Materialien geht. Aus dem Vortrag sprach sein großes persönliches Engagement. Mehr

Zum Höhepunkt der Tagung wurde die Preisvergabe an SchülerInnen, die sich in einem Wettbewerb über das Thema „Stadt, Land, Nachhaltigkeit! - gemeinsam Visionen entwickeln“ Gedanken gemacht hatten. Der 1. Preis wurde an eine Klasse der Integrierten Gesamtschule „Willy Brandt“ Magdeburg vergeben. Den zweiten Preis erhielt die Seelandschule Nachterstedt und der 3. Preis ging an die Sekundarschule „Willy Wundt“ in Tangerhütte. Mehr

Nach und zwischen den Vorträgen nutzten die Teilnehmer rege die Möglichkeit, bei der Firma aus Zerbst das dimmlight-System unter die Lupe zu nehmen mehr, sich über die Arbeit des Interkulturellen Gartens zu informieren, bei der Wärmewette der Hochschule Magdeburg-Stendal Energie zu verbrennen, das Twike zu inspizieren oder sich am Büchertisch der Firma Coppenrath & Boeser über interessante Fachliteratur zum Thema zu belesen.  

Fazit









In der Tagung wurden eine Vielzahl von praktischen Erfahrungen durch Akteure aus Kommunen, Bewegungen und Initiativen sowie aus Unternehmen und forschenden Institutionen vermittelt. Die Erfahrungen mit einem Energie sparenden Straßenbeleuchtungs-System oder über den fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehr in Templin verdienen bundesweite Unterstützung und Nachahmung. Gerade diese Beiträge waren für alle Kommunen und Regionen, die unter Bevölkerungsrückgang, damit „Schrumpfungsbedingungen“ und klammen Haushalten leiden, von großem Wert.

Jede „rein fachliche“, also technologische Lösung ist immer eingebettet in soziale Voraussetzungen und Folgen, in Interessenlagen und Mobilisierungs-potenziele von AkteurInnen, Kommunen und kleinen wie großen Unternehmungen. So drohen die genannten energetisch-städtebauliche Visionen ohne bürgerschaftliches Engagement, das soziale Kontrolle und Mitgestaltung einschließt, zu einem Mittel der Reproduktion bestehender Verhältnisse (nämlich der zunehmenden Ausgrenzung Unterprivilegierter, die sich ein energiesparendes modernes Wohnen nicht leisten können) zu entarten.

Zukunftsprojekte haben immer etwas Revolutionäres an sich. Sie bieten neuartige technische Lösungen und erleichtern (zumeist) das Leben vieler Menschen. Wenn aber bestehende Produktions-, Reproduktions- und Herrschaftsstrukturen nicht mit auf den Prüfstand der Veränderung gestellt werden, zementieren solche Zukunftsprojekte die Konflikte der Gegenwart. Bereits zu Beginn der Fachtagung hatte Kaj-Mertens Stickel angemahnt: „Politiker reden gerne über die Bürgerbeteiligung. Aber sie meinen in Wahrheit keine wirtschaftliche Beteiligung der Menschen“. Bundesregierung und Großunternehmen verstehen heute unter Energiewende gigantische Vorhaben wie die Offshore-Anlagen. Wenn das alleine die Politik der Zukunft ausmachen würde, festigte das die Allmacht der interessierten Konzerne und den verheerenden Einfluss ihrer politischen Lobby. Mit ihren vielfältigen Bildungsangeboten möchte die Rosa-Luxemburg-Stiftung dazu eindeutig Stellung beziehen und Alternativen im Sinne vielfältiger bürgernaher Projekte aufzeigen.  

   
Bernd Augustin                                         01.12.2011