Hochwasserkonferenz | 22.11.2012 | Magdeburg

Dokumentation zur Hochwasserkonferenz

Begrüssung und Eröffnung

Hendrik Lange, Vorsitzender der RLS Sachsen-Anhalt, eröffnete namens der Stiftungen aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt  die gemeinsame  Hochwasserschutzkonferenz "Fluss im Wandel".

"Jeder erinnert sich noch an die beängstigenden Bilder vom Elbhochwasser und die furchtbaren Folgen. 21 Tote und ein Schaden von 8,6 Milliarden Euro."
Überregionale Ereignisse wie diese erforderten die Zusammenarbeit über Ländergrenzen. Darum zeigte er sich sehr erfreut über die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen der RLS in Brandenburg und deren Teilnahme an der Konferenz. Er empfahl den Anwesenden die Ausstellung "Naturereignis Hochwasser" der Allianz Umweltstiftung und des Biosphärenreservats "Mittelelbe" mit beeindruckenden Fotos und Texten zum Thema. Text: Barbara Ilse

Hendrik Lange: Grußwort zur Hochwasserkonferenz «Fluss im Wandel» by Rosa-Luxemburg-Stiftung

Inputreferate

Moderation: Dr. Detlef Nakath, Geschäftsführer der RLS Brandenburg: drückte seine Freude darüber aus, dass die Experten bei der Konferenz Informationen und Standpunkte austauschen könnten und während der Podiumsdiskussion den interessierten Besuchern Rede und Antwort stünden. Wie wichtig die Umwelt den LINKEN sei, sehe man an der Reihenfolge der Zuständigkeiten, der von Ihnen gestellten Ministerin Anita Tack, Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz.
Text: Barbara Ilse| Foto: Dr. Fritz Rothe

Detlef Nakath: Vorwort zur Hochwasserkonferenz «Fluss im Wandel» by Rosa-Luxemburg-Stiftung

Anita Tack

Wassermanagement in Brandenburg - zwischen Dürre und Hochwasser

Zu Beginn ihres Vortrags und nach einem schweifenden Blick über den, bis auf den letzten Stuhl, gefüllten Saal äußerte sie sich erfreut über das große Interesse an dieser Thematik, um dann gleich in den Stoff einzusteigen: „Aufzeichnungen über die Wasserstände im Land gibt es seit 120 Jahren und in den letzten Jahre häufen sich die Extreme“, sagte sie und sprach von vier Jahrhunderthochwassern und zwei Trockenperioden in Brandenburg. Die Menschen sollten sich darauf einstellen. Ostdeutschland wäre, an den Nebenflüssen von Elbe und Oder, auch häufiger von diesen Extremwetterlagen betroffen. Durch Worte wie „Klimawandel“ oder „Klimaerwärmung“ wären die Menschen eher auf Wassermangel und Hitze eingestellt. Und so schlügen denn auch die Emotionen nach Starkniederschlägen oder Überschwemmungen sehr hoch. Bürgerproteste sowie die Suche nach Schuldigen erhöhe den Druck auf Wasserwirtschaftler, Naturschützer und Politiker enorm. Und die Frage tauche auf: Liegen die Klimaforscher falsch? Sachlichkeit und Aufklärung täte Not, so Ministerin Tack und Veranstaltungen wie diese wären enorm wichtig.
Text: Barbara Ilse
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Anita Tack: Impulsreferat zur Hochwasserkonferenz «Fluss im Wandel» by Rosa-Luxemburg-Stiftung

Prof. Dr. habil. Volker Lüderitz

Lehren aus dem Elbhochwasser 2002 - Synergien von Hochwasser- und Naturschutz

„Die Landschaft um Magdeburg ist vom Hochwasser geprägt“, sagte Professor Lüderitz zu Beginn seines Vortrages, den er als „grünlastig“ einstufte. Hier gäbe es aber noch Auen. Intakte Auen mit artenreichen Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren hielten sich nur dort, wo Hochwasser diese dynamischen Zonen gewährleiste. Immer gleicher Wasserstand ließe Auen verschwinden. Der Anteil von Auen in Europa liege bei 6 bis 8 Prozent der Gesamtfläche. Aber 50 Prozent aller Pflanzengesellschaften sei hier beheimatet. “Natürliche Wasserrückhalteräume ermöglichen eine weiträumige Verteilung des Wassers, seine Reinigung und Infiltration zur Grundwasserneubildung.“ Hochwasser an sich sei keine Katastrophe nur die extremen Hochwasser bringen Probleme mit dramatischen Folgen: Von 1997 bis 2006 starben mehr als 700 Menschen in Europa bei den fünf großen, als Jahrhunderthochwasser eingestuften Katastrophen. Die Höhe der versicherten Schäden lag bei zirka 27 Milliarden Euro. Die deutsche Elbe verursachte 2002 einen Schaden von 11 Milliarden Euro bei mehr als einer halben Million Geschädigten.
Text: Barbara Ilse
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Volker Lüderitz: Impulsreferat zur Hochwasserkonferenz «Fluss im Wandel» by Rosa-Luxemburg-Stiftung

Diskussion nach den Vorträgen:

In der anschließenden Diskussion empfahl Ministerin Tack den Gästen der Hochwasserkonferenz den Besuch des abgeschlossenen Großprojektes in der Lenzener Heide. Es sei eine beeindruckende Landschaft.
Kritisiert wurde allgemein, dass trotz der Überschwemmungen der vergangenen Jahre Hochwasserschutz nicht in den Mittelpunkt der Umweltpolitik gerückt ist. Und wenn das Geld knapper werde, müsse man eben den Kopf mehr anstrengen, um die beste Lösung zu finden- Schnellschüsse sind hier fehl am Platze.
Man kam zu dem Schluss, dass ökologische Hochwasserpolitik bisher noch ein Stiefkind der Umweltpolitik geblieben ist, dabei wäre es zum Beispiel viel nachhaltiger, dafür zu sorgen dass die Böden mehr Wasser aufnehmen könnten. Statt dessen beträgt die Flächenversiegelung in Deutschland immer noch täglich 90 Hektar.
Anhand solcher dramatischen Zahlen, sprach man sich zu großen Teilen für den nachhaltigen Hochwasserschutz aus. Gute Ideen sind hier gefragt und versprechen eine spannende Zukunft.
Text: Barbara Ilse

Lars Eichhorn stellte den Dokumentarfilm von Eulenspiegel-Multimedia "Magdeburg-Sommer 2002, Land unter?" vor. Im Film erfuhren die Teilnehmer mehr über die Jahrhundertflut und die Lage in Magdeburg und Umgebung. Luftbilder boten interessante Einblicke in die Situation vor Ort,  besonders beeindruckend war der Vergleich der Wasserstände vor und nach dem Hochwasser.

Podiumsdiskussion: Die Elbe zwischen Naturschutz und Wirtschaftsfaktor

Zu Beginn gab Rolf Lack ein kurzes Statement für den Ausbau der Elbe als Binnenverkehrsweg mit dem Ziel überall eine Wassertiefe von 1,60 m zu erreichen. Vortrag von Rolf Lack als PDF

Ulrich Wittstock vom MDR moderierte die Podiumsdiskussion und eröffnete mit einer Fragerunde an die Podiumsgäste

Für Dr. Stephan ist Leben am Fluss unbedingt verbunden mit dem Verstehenlernen des Flusses. Der Fluss kenne keine Katastrophen. Die Verwaltung stelle das Bauland am Fluss zur Verfügung und wenn dann gebaut wäre, forderten die Bürger Schutz für ihr Eigentum. Das beweise ein extrem kurzes Gedächtnis.
Moderator Wittstock ergänzte, dass auch das MDR-Funkhaus so sicherlich nicht wieder gebaut werden würde.
Lüderitz brachte es auf den Punkt: Die Umweltpolitik sei der Wirtschaft untergeordnet und fügte das Beispiel des Staustufenbaus in Tschechien an. Hier wäre die Binnenschifffahrt Nutznießer und die Natur der Verlierer. Noch gäbe es kein Gesetz, dass das Bauen in Überschwemmungsgebieten verboten sei.
Jährling erläuterte dass seit 1992 im Landesentwicklungsgesetz 43 Maßnahmen zur Rückdeichung festgelegt seien. Für 18 davon hätte man bereits über 70 Millionen Euro ausgegeben. Das wäre bundesweit Spitze aber auch wenn alle 43 Maßnahmen umgesetzt seien, würde ein Hochwasserspiegel nur wenig gesenkt werden können.
Lack erläuterte, dass die Flussschifffahrt auf der Elbe erst 200 Jahre alt wäre nachdem der Fluss damals in ein unverrückbares Bett gelegt wurde. Damals gab es 5000 Buhnen und heute sind es 9000.
Zu den Buhnen und deren Einfluss auf die Natur äußerte sich Kunz sehr kritisch: Von oben gesehen ändere sich der Fluss nicht viel aber durch Buhnen entstünden regelrechte Todräume. Man solle die Schiffe den Gewässern anpassen und nicht umgekehrt, mahnte er. Hinzu käme, dass ein eingeschnürter Fluss eben auch die Hochwassersituation verändere.
Dr. Stephan hatte hierzu Zahlen bei der Hand: Elbeertüchtigung für die Binnenschifffahrt hätte in den vergangenen 20 Jahren wenig Erfolg gebracht. In dieser Zeit hätte man etwa 1 Milliarde Euro in die Elbe investiert aber keine der Prognosen erfüllte sich. Zum Beispiel sollten über die Trogbrücke dreimal soviel Tonnen transportiert werden, wie man sie jetzt tatsächlich erreiche. Darum sollte man jetzt diese Arbeiten stoppen und der Natur endlich etwas zurückgeben.
Für diesen letzten Satz erntete sie Applaus.
Jährling führte aus, dass Sog und Schwall der durchfahrenden Schiffe ganz sicher Auswirkungen auf die Artenvielfalt in der Elbe hätten, weil dadurch Pflanzen keine Chancen hätten. Da müsse dringend ein Kompromiss gefunden werden.
Dr. Stephan schwächte etwas ab und sagte, dass niemand etwas gegen die Güterschifffahrt hätte, aber das Bundesverkehrsministerium hätte die Elbe als Nebenwasserstraße eingestuft und so solle man nicht weiter ausbauen und nicht mehr investieren. Diese Realität sollte endlich akzeptiert werden.
Lüderitz erinnerte an die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Dazu gehöre eben auch der Fluss als Wasserstraße, auch wenn das zu Spannungen führe. Flachschiffe könnten eine Lösung sein oder eine neue Schiffsdieselgeneration. Man müsse auf alle Fälle Überflutungsflächen zurückgewinnen.
Kunz ergänzte seine Ausführungen. „Die Wasserrahmenrichtlinie ist keine Kur sondern eine Notwendigkeit und sollte wie ein Gesetz zum ökologischen Handeln verwendet werden.“
Jährling dazu: „Wir müssen jetzt eingreifen. Nichts tun ist genauso falsch. Der Fluss muss nicht aussehen, wie ein englischer Garten.“ Grüne Energie aus Wasserkraft werde es hier nicht geben, ergänzte Jährling. Er könne zudem an einzelnen Arten nachweisen, dass der Ausbau der Elbe Habitate vernichtet hätte.
Öffentlichkeitsarbeit und fachlich fundierte Informationspolitik sind wichtiger den je, da waren sich alle Beteiligten einig.
Lüderitz erinnerte an die gelungene Ausstellung „Fluss im Wandel“ aus Landesmitteln.
Man brauche „mehr Raum für den Fluss“ und einen Wandel in der Schifffahrt. Den Fluss so zu erhalten wie er ist und ihn gleichzeitig ökologisch besser ausbauen - diese unterschiedlichen Anforderungen erzeugten ein Spannungsfeld, aber alle Interessen zusammen zu bringen, sei eben nicht einfach. Das Geld werde immer knapp sein und sollte deshalb noch effektiver eingesetzt werden. Er hoffe für die Schifffahrt auf ein angepasstes Flachgang-Schiff, vielleicht mit Hybridmotor.
Kunz: „Man muss sich hier entscheiden: Will man Waren oder Natur konsumieren!
Und ganz radikal: „Wenn der Mensch weg ist, findet der Fluss seinen Weg allein.“ Hochwasserschutz für den Menschen oder für die gesamte Natur, sei die Frage.
Text: Barbara Ilse
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Podiumsdiskussion zur Hochwasserkonferenz «Fluss im Wandel» by Rosa-Luxemburg-Stiftung

Markt der Möglichkeiten Aussteller und Projekte

waren zu finden die hochinteressante Wanderausstellung „Naturereignis Hochwasser“
(eine Ausstellung der Allianz Umweltstiftung und des  Biosphärenreservats „Mittelelbe“) und zahlreichen Informationen zu Umweltbildungsangeboten.

Es präsentierte sich das Umweltzentrum Ronney Außerschulische Bildungsangebote und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) stellte ihr Projekt „Schulen für eine lebendige Elbe“ vor.  

Außerdem hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, in den zahlreichen Buch-Angeboten am thematischen Büchertisch der
Universitätsbuchhandlung Coppenrath & Boeser GmbH Magdeburg zu stöbern.

Herzlichen Dank an alle, die uns hier so engagiert unterstützt haben!

Presseerklärung zur Hochwasserschutzkonferenz vom 22.11.2012:

In der Presserklärung zur Konferenz heißt es: "...Unter dem Titel „Fluss im Wandel“ haben am vergangenen Donnerstag im Roncalli-Haus Wissenschaftler, Politiker und Vertreter von Bürgerinitiativen und Verbänden Strategien für einen umweltgerechteren Hochwasserschutz diskutiert. 10 Jahre Elbehochwasser und 15 Jahre Oderhochwasser gaben den Anlaß für diese Veranstaltung.

Insgesamt gut 90 Zuschauer verfolgten die Vorträge von Anita Tack zum Wassermanagement in Brandenburg und Prof. Dr. Volker Lüderitz zu den Folgen des Elbhochwassers 2002. Der Dekan des Fachbereichs Wasser- und Kreislaufwirtschaft der Hochschule Magdeburg-Stendal plädierte für einen nachhaltigen und ökologischen Hochwasserschutz der – großflächige Rückverlegung von Deichen und die Renaturierung natürlicher Flussauen vorausgesetzt – eine leistungsfähige Alternative zu den überwiegend technischen Hochwasserschutzmaßnahmen sein könne. ...." Zum vollständigen Text der Presseerklärung

Die Hochwasser-Konferenz zu Elbe- und Oder-Hochwasser ist auch als Lehrerfortbildung anerkannt:
WT 2012-061.001 N LISA