Publikation Deutsche / Europäische Geschichte Weiterkämpfen nach der Niederlage

Über den Revolutionär und Autor Karl Plättner, der nach den Märzkämpfen vor 100 Jahren in Mitteldeutschland in den Untergrund ging von Daniel Kulla

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Reihe

Online-Publikation

Erschienen

Juli 2021

Karl Plättner, Foto gemeinfrei

Weiterkämpfen nach der Niederlage

Über den Revolutionär und Autor Karl Plättner, der nach den Märzkämpfen vor 100 Jahren in Mitteldeutschland in den Untergrund ging von Daniel Kulla

In der weitgehend vergessenen und verbogenen Geschichte der deutschen Revolutionsjahre nach dem Ersten Weltkrieg stecken ebenso verschüttete, verzerrte, verkürzte Einzelgeschichten, mit ihnen jede Menge lehrreiche Heimat-Gegengeschichte von unten. Während es von den damals mindestens regional wichtigen Figuren der revolutionären Kämpfe ab 1920 immerhin Max Hoelz [Link zum Artikel] bei allen Begradigungen noch zu einer gewissen Bekanntheit und Popularität gebracht hat, sind die meisten heute fast völlig unbekannt, darunter auch Karl Plättner, seinerzeit verehrter und gefürchteter "Bandenführer", prominenter politischer Gefangener und später kontroverser Buchautor.

Plättner wächst in der Umgebung von Ballenstedt am Harz auf, bis die Familie 1905 nach Thale zieht, direkt neben das riesige Eisenhüttenwerk mit seinen 4000 Beschäftigten, das den beliebten Luftkurort mit Lärm, Ruß und Dreck zu dominieren beginnt. 1907, als Rosa Luxemburg in der Straße, in der die Plättners wohnen, vor etwa 1000 Menschen im großen Saal des Arbeiterlokals "Zur grünen Tanne" spricht , wird der 14jährige Karl ein "Mops" (Lehrling) in der Gussformen-Herstellung. Dort im Walzwerk sind die Arbeitskräfte besonders gut organisiert, mehr als 150 sind in der Sozialdemokratie Mitglied und viele gehören dem Metallarbeiterverband (DMV) an. Im Jahr zuvor streiken die Belegschaften der Gussformung und des Emaillierwerks (wo besonders viele Frauen arbeiten) erfolgreich für Lohnerhöhung - die Arbeitsbedingungen bleiben jedoch katastrophal, die Pausen sind für 12-Stunden-Schichten weiter zu kurz, nötige Hilfsmittel werden nicht gestellt und es gibt keine Dusch- und Umkleideräume.

Der junge Plättner beteiligt sich begeistert am neugegründeten Arbeitersportverein "Einigkeit", der das Monopol der bürgerlich-nationalistischen Turnerschaften bricht, kommt erstmals mit dem Gesetz in Konflikt (Verurteilung wegen "öffentlicher Beleidigung") und ist in einem Lesekreis aktiv, aus dem 1910 im Beisein von Karl Liebknecht die Ortsgruppe der sozialdemokratischen Jugend hervorgeht. Da ist Plättner schon auf Wanderschaft, die ihn vor allem im Westen und Norden des Reiches mit anderen sozialdemokratischen Jugendgruppen in Verbindung bringt.

Im Ersten Weltkrieg erleidet er eine Kriegsverletzung an der Hand und kann nicht mehr als Former arbeiten. Er politisiert sich weiter und wird als "Seele der radikalen Jugendbewegung" (so der Hamburger Polizeipräsident Otto Stürken über Plättner) inhaftiert, seine auf den 20. November 1918 angesetzte Hauptverhandlung fällt dann wegen der Revolution aus. Kurz ist er in Dresden beim Wortführer des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrats Otto Rühle und den Internationalen Kommunisten, die sich gegen SPD und USPD nicht durchsetzen können. Ende November wieder in Thale, kann er mit seiner Agitation nicht verhindern, dass die Arbeitskräfte, die hier wie vielerorts nach einer Massendemonstration ihren Betrieb mit wehenden roten Fahnen besetzt und Mindestlohn sowie Achtstundentag (fürs erste) durchgesetzt haben, nun ihre Waffen abgeben und sich von den "Ruhe und Ordnung"-Parolen der rechten SPD-Führung von weiteren Forderungen abhalten lassen.

Plättner ist bei der Gründung der KPD zum Jahreswechsel in Berlin anwesend, wirkt im Januar 1919 aktionistisch und übereifrig in der Bremer Räterepublik, lebt hinterher wieder wie während des Krieges in der Illegalität, ist an den Berliner Märzkämpfen beteiligt, danach Wanderredner in Mitteldeutschland. Er schreibt und veröffentlicht lyrisch-pathetische Erklärungen gegen die großen Gewerkschaften und das Parlament, für "unverfälschte" Räteherrschaft, die "sofortige Bewaffnung des Proletariats" und die Zerschlagung der "Polizei der schwarz-weiß-roten Reaktion", für die Sozialisierung der Produktionsmittel und des Grundbesitzes. Mitte April führt er nach einem Vortrag in Aschersleben einen lokalen Putschversuch an, schart in der Folge einen Kreis von Vertrauten in Leipzig um sich, wird im September in Halle verhaftet und kann im Dezember schon wieder fliehen.

Plättner gründet 1920 nach den Erfahrungen der Abwehrkämpfe gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch die KAPD mit, viele KPDler in Magdeburg und Halle folgen ihm. Er steht innerhalb der Partei gegen syndikalistische, nationalbolschewistische und antisowjetische Fraktionen. Die KAPD ist zwar wie die VKPD vom Polizeieinmarsch in Mitteldeutschland im März 1921 überrascht, aber besser vorbereitet. Plättner eilt sofort am 19. März von Leipzig nach Halle, um eine Versammlung der KAPD zum bewaffneten Aufstand aufzurufen, ist in Hettstedt vom Tempo der Mobilisierung ernüchtert, agitiert für Streik, Entwaffnung der Schupo und Übernahme der Betriebe, will die Schupo notfalls reizen um "den Stein ins Rollen zu bringen", organisiert die zusammenströmenden Bewaffneten in der Umgebung von Halle mit.

Die schließliche Niederlage dieser als Mitteldeutscher Aufstand bekannt gewordenen Märzkämpfe 1921 ist wohl als letztes denen anzulasten, die wie Plättner den von der Staatsgewalt aufgezwungenen Kampf zumindest zu führen versuchen. Er geht nun wie Hunderte andere Beteiligte notgedrungen in den Untergrund und verschreibt sich völlig dem "revolutionären Bandenkampf", der vor allem der Unterstützung und dem Lebensunterhalt der wegen ihrer politischen Aktivitäten nun erwerbslosen Revolutionäre und ihrer Angehörigen dient, die von den legalen Unterstützungsstrukturen wie der Roten Hilfe nicht erfasst werden.

So schildert es der Maurer Paul Töpfer, der als Mitglied des Aktionsausschusses in der "Grube Alwine" in Bruckdorf bei Halle zu Kämpfen gegen die Schutzpolizei aufgerufen hatte und nach seiner Entlassung durch Flucht der Verhaftung zuvorkommt: "Die Märzaktion ist fehlgeschlagen, wir brauchen aber Geld, um die Flüchtlinge und ihre Familien zu unterstützen, Prozesse zu führen, Verteidiger zu bestellen usw. Wir kamen daher zu dem Entschluss, im Wege der gewaltsamen Expropriation Geld zu beschaffen."  

Die Gruppe um Plättner, darunter die 17jährige Fabrikarbeiterin Martha Ebert aus der Gefangenenkommission der Kommunistischen Jugend, die nach der Verhaftung mehrerer ihrer Genossen selbst illegal lebt und nun die geraubten Gelder verwaltet, ist von Mai 1921 bis zu seiner Verhaftung im Februar 1922 aktiv, einige andere kämpfen noch bis 1924 weiter. Die Region ist zwar weiterhin eine rote Hochburg, auch in Thale hatte die USPD 1920 fabelhafte Wahlergebnisse, das Hüttenwerk wurde im September 1921 zwei Wochen bestreikt, aber die durchaus vorhandene Sympathie für die Bande schlägt angesichts des omnipräsenten Abschreckungspotentials der Staatsgewalt kaum in Unterstützung um.  

Plättners Schrift "Der organisierte rote Schrecken", in der "der Kleine" in noch wütenderem und ausfallenderem Ton als bisher seine "Beunruhigungsstrategie" der Kleinaktionen und Nadelstiche rechtfertigt und am Ziel der Überwindung des Privateigentums, der "uralten Sehnsucht der Menschheit" festhält, wird in Tausenden Exemplaren in Mitteldeutschland, aber auch in Berlin und Hamburg verbreitet; "Habt ihr keine Waffen, so habt ihr doch Streichhölzer..."

Lange kämpfen die Verhafteten um die Anerkennung als politische Gefangene und für ein entsprechendes Verfahren. Beim Prozess stehen sie alle zu ihren Taten und belasten sich nicht gegenseitig. Plättner hält eine legendäre mehrtägige Verteidigungsrede, seine Schrift wird im Verhandlungssaal verlesen.

Schließlich werden, obwohl die Bande Gewalt stets nur angedroht hat, mehrjährige Zuchthausstrafen verhängt - ein KPD-Landtagsabgeordneter bemerkte dazu an Plättner gerichtet bitter: "Ja, wenn du Hitler wärst..." Den oftmals scharf politisch gegen sie eingestellten Wachleuten (wie der Polizei scheint ihnen Plättners Aussehen "jüdisch") und den schrecklichen Haftbedingungen weiter ausgesetzt zu sein, zermürbt sie alle. Zwei von ihnen sind nach Kurzem schon tot, andere wenden sich von ihren Taten ab. Plättner selbst kommt nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Gefängnisleitung aber auch Mitgefangenen 1925 in die Irrenabteilung nach Berlin-Moabit, wo er scheinbar gebrochen die Abkehr vom "Teufelsspuk" des Bandenkampfs verkündet, nicht aber vom Kommunismus.

Wie viele andere politische Gefangene wird er 1928 nach dem SPD-Reichstagswahlsieg und der folgenden Amnestie aus der Haft entlassen und nähert sich der KPD an, für die er reichsweit Vorträge zu seinem vielbeachteten Buch über Sexualität in der Haft hält. "Eros im Zuchthaus", zu dem der Sexualforscher Magnus Hirschfeld das Vorwort und John Heartfield das Cover beisteuern, ist eine offene Abrechnung mit dem Gefängnisleben, das auch für die damalige Zeit unerhörte Schilderungen etwa von Masturbation enthält.

Je mehr sich die KPD zentralisiert und säubert, desto weiter geht Plättner, der mittlerweile in Leipzig-Leutzsch lebt, wieder auf Distanz zu ihr. Er bleibt nach der Machtübernahme der Nazis anders als manche seiner alten Kampfgefährten klar antifaschistisch eingestellt, enthält sich aber politischer Aktivität und versucht erstmals, ein geregeltes Leben zu führen. Trotzdem wird er gleich im Juli 1933 kurzzeitig in "Verwahrungshaft" genommen - ein Warnschuss, der auch anderen zuteil wird und dazu dienen soll, Kommunisten zum Überlaufen zu bringen.

Im April 1937 erlebt er erstmals den entfesselten Terror der Nazis am eigenen Leib, als er in Schutzhaft ins KZ Sachsenburg kommt und im August als einer der ersten nach Buchenwald geschafft wird, wo er bis November bleibt. Im März 1938 erneut für eine Nacht festgenommen, kommt er schließlich ab Kriegsbeginn 1939 wieder nach Buchenwald, wo er Solidarität mit älteren kommunistischen Gefangenen erfährt, aber mit den an Stalin orientierten KPD-Lagerfunktionären in Konflikt gerät. Er wird 1944 nach Majdanek und Auschwitz deportiert, wo er sich dem Einzug zum Gefangenenbataillon verweigert, schließlich 1945 ins österreichische Lager Mauthausen-Melk und nach einem Todesmarsch ins KZ Ebensee im Salzkammergut, wo er die Befreiung durch die US-Army erlebt. Noch einmal verschafft ihm ein Kriegsende die Freiheit, doch er stirbt auf dem Heimweg im bayerischen Freising an Entkräftung.

Heute erinnert wenig an Plättner. Die Kontroverse um den Bandenkampf und die Stigmatisierung derer, die schon vor der Naziherrschaft in den Untergrund gedrängt wurden, überschattet die Geschichte nicht nur seines Lebens. Einen guten Überblick über sein Leben gibt die im Jahr 2000 erschienene Biographie "Der ruhelose Rebell" von Volker Ullrich.

https://www.chbeck.de/ullrich-ruhelose-rebell/product/12241