Details

15 Jahre lang haben wir in einer jeweiligen Jahrespublikation die in den Doktoran*innenseminaren vorgestellten und miteinander diskutierten Promotionsthemen, die vom Studienwerk gefördert werden, thematisch gebündelt und publiziert. Mit den Doktorand*innenseminaren und dem Doktorand*innen-Jahrbuch hatten wir mithin einen wichtigen Konnex für die ideelle Förderung der Promotionsstipendiat*innen geschaffen, der 15 Jahre lang sehr gut funktioniert hat.
Auf den Seminaren wurden die Promotionsthemen nicht nur wissenschaftlich, sondern auch hinsichtlich ihrer praktischen und politischen Dimensionen diskutiert. Die Schwerpunktthemen aus den Doktorand*innenseminaren sollten sich im Jahrbuch als Rubriken widerspiegeln und umgekehrt. Wir wollten eine fruchtbare Dialektik zwischen beiden Formaten und einen vielfältigen Gebrauchswert in den jeweiligen Lernprozessen erzeugen.
Dadurch wurden bestimmte verallgemeinerbare Schwerpunktthemen, z. B. zu Gender, Macht und Identität oder zu Erinnerungspolitik und dem Umgang mit Gewalt, aber auch theoretische und methodische Ansätze, z. B. die Hegemonietheorie von Antonio Gramsci oder die Gouvernementalitättheorie von Michel Foucault sichtbar. Es kristallisierte sich zudem ein kritischer Wissenschaftsbegriff heraus, der anleitende bzw. orientierende Funktionen erfüllte und allgemein von der Kritischen Theorie abgeleitet ist: Wissenschaft darf linksseitig engagiert und normativ sein, ohne sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gefallen lassen zu müssen. Sie muss sich vor allem dagegen verwahren, von Herrschaftsinteressen instrumentalisiert zu werden. Es geht bei kritischer Wissenschaft nicht nur darum, die Welt zu begreifen, sondern sie durch das Begreifen auch zu verändern. Diese Prozesse sind niemals abgeschlossen, daher sind das Begreifen, Bilden und Verändern im wahrsten Sinne des Wortes, wie der Titel des Jahrbuches besagt, ein WORK IN PROGRESS und WORK ON PROGRESS.
Marcus Hawel/Stefan Kalmring/Nina Schlosser (Hrsg.)
Wozu noch kritische Wissenschaft
Schlussband der Reihe WORK IN PROGRESS | WORK ON PROGRESS
Eine Veröffentlichung des Studienwerks der Rosa-Luxemburg-Stiftung
VSA-Verlag
Der Nutzen des Jahrbuches sollte mithin über eine erste Veröffentlichungsmöglichkeit für unsere Stipendiat*innen deutlich hinausgehen. Das Doktorand*innen-Jahrbuch erfüllte in all den Jahren erfolgreich mehrere Funktionen. Es sollte zur besseren Vernetzung im Stiftungsumfeld und in der scientific community beitragen und die von uns geförderten kritischen Nachwuchswissenschaftler*innen an den neoliberalisierten Hochschulen sichtbarer machen. Ferner zielten wir auf einen zusätzlichen Synergieeffekt für die jeweiligen geförderten Promotionen, denn das inhaltliche und sprachliche redaktionelle Feedback zu den Aufsätzen hat im besten Falle Rückeffekte auf die Arbeit der Doktorand*innen an ihren Dissertationsschriften. Die stipendiatischen Redaktionen wechselten jedes Jahr, sodass möglichst viele Stipendiat*innen in Begleitung lernen konnten, wie man einen Sammelband herausgibt, mit Verlag und Autor*innen kommuniziert, deren Texte redigiert, inhaltliche Feedbacks gibt, aus der Themenbandbreite einen Schwerpunkt bildet und gemeinsam eine Einleitung schreibt.
Leider müssen wir aufgrund der Gesamtsituation hinsichtlich der zukünftigen personellen und finanziellen Lage im Studienwerk das Doktorand*innen-Jahrbuch einstellen. Dies wird in der ideellen Promotionsförderung eine große Lücke verursachen.
Zum Abschluss publizieren wir einen besonderen Band, der neben (ehemaligen) Stipendiat*innen auch auf andere Statusgruppen des Studienwerkes und der Stiftung fokussiert: auf Vertrauensdozent*innen, Kolleg*innen und z. B. den wissenschaftlichen Beirat. Der Titel des Bandes heißt fragezeichenlos: „Wozu noch kritische Wissenschaft“ und ist im VSA-Verlag erschienen. Darin befinden sich Aufsätze u.a. von Ulrich Brand, Markus Wissen und Nina Schlosser, Birgit Sauer, Ruth Sonderegger, Alex Demirovic und Mario Candeias.
Dem VSA-Verlag und insbesondere Gerd Siebecke ist an dieser Stelle ganz besonders zu danken für die professionelle, freundliche und solidarische Begleitung des Projektes in all den Jahren, das nun leider ein Ende findet.
Inhalt
- Marcus Hawel/Stefan Kalmring/Nina Schlosser
Wozu noch kritische Wissenschaft
Einleitende Überlegungen
Zusammenfassungen
Selbstbetrachtung kritischer Wissenschaften
- Marcus Hawel
„Die Kritik ist auf den Hund gekommen“
Wissenschaft im Lichte der Kritischen Theorie - Nina Schlosser/Ulrich Brand/Markus Wissen
Kritische Wissenschaft in krisenhaften Zeiten
Ein Gespräch über ihren Beitrag zu emanzipatorischen Transformationen - Alex Demirović
Im Blindflug - Birgit Sauer
Wozu noch feministisch kritische Staatstheorie
Überlegungen zu Kontiunitäten und Neuanfängen - Maria Tsenekidou
Bildung und Befreiung
Eine Spurensuche in Erinnerung an Peter Brückner und Erneuerung von Praxisperspektiven Politischer Psychologie angesichts aktueller Herausforderungen politischer Bildung - Vanessa Ossino
Verwicklungen der Erkenntnis
Theorie in ihrer historischen Situation - Rebecca Gotthilf
Unser Wissen, unser Widerspruch
Die (post-)migrantische Gesellschaft und ihre widerständigen Wissensarchive
Angewandte kritische Wissenschaften
- Stefan Kalmring
Raus aus der Schockstarre
Wie werden wir handlungsfähig gegen die extreme Rechte? - Mario Candeias
Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Linke Analyse und Strategie in Zeiten von Faschisierung und spätneoliberaler Offensive - Peter Ullrich
Hochschulproteste zum Gaza-Krieg, autoritärer Anti-Antisemitismus und das Ende der Kritik - Ruth Sonderegger
Wissenschaft und Freiheit
Mindestens zwei gewaltvolle Problemkomplexe und viel Arbeit für die Kritik - Mai-Anh Boger
Über Sinn und Unsinn der Lektüre kritischer Theorien in der (sonderpädagogischen) Lehrkräftebildung - Markus Euskirchen
Die Visionen der Künstlichen Intelligenz
Kritische Überlegungen zur hochtechnologischen Revolution
Autor*innen und Herausgeber*innen
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