Mitteldeutscher Aufstand

Veranstaltungsreihe zu den Mitteldeutschen Märzkämpfen 1921

Selbstgebauter Panzerzug von Arbeitern aus den Leuna-Werken in den Märzkämpfen 1921 in Mitteldeutschland
Selbstgebauter Panzerzug von Arbeitern aus den Leuna-Werken in den Märzkämpfen 1921 in Mitteldeutschland Copyright © Deutsches Historisches Museum

Konflikt und Ungeduld im Frühling der Weimarer Republik

100 Jahre nach den Mitteldeutschen Märzkämpfen bieten die RLS Sachsen, die RLS Thüringen und die RLS Sachsen-Anhalt eine Reihe von Veranstaltungen zu den sozialen und politischen Auseinandersetzungen in der Frühphase der Weimarer Republik. Den Auftakt bildete eine Diskussion am 24.3.2021 bei Radio Corax in Halle:

Konflikt und Ungeduld im Frühling der Weimarer Republik. 100 Jahre Mitteldeutsche Märzkämpfe mit Prof. Patrick Wagner (Halle), Bernd Langer (Berlin), Christina Brinkmann (Halle) Moderation: Lukas Holfeld

Mitschnitt bei Radio Corax:
CORAX Mittagsmagazin - 2021/03/24 - Mitteldeutsche Märzkämpfe 1921


Weitere Veranstaltungen:
 


07.04.2021 Frauen der Novemberrevolution -
Kontinuitäten des Vergessens mit Dania Alasti (Berlin)


21.04.2021 Lu Märten ›Die Künstlerin‹ (1919)
mit Anne Hofmann (Berlin)


8.5.2021 Auf den Spuren der mitteldeutschen Märzkämpfe 1921.
Fahrradtour von Halle in Richtung Leuna
mit Bernd Langer (Berlin) und Lukas Holfeld (Halle)


19.05.2021 Auf dem Weg zum Rätekommunismus
Die Märzkämpfe, der Zerfall der KAPD und die Entstehung einer neuen Kritik
mit Felix Klopotek (Köln)


11.06.2021 Publikation | Paul Levi und die SPW (Sozialistische Politik und Wirtschaft)
Heute ist Levi innerhalb der deutschen Linken kaum noch ein Begriff. Michael Krätke hat ihn in einer biographischen Skizze gewürdigt, die soeben in dem von ihm mitherausgegebenen Sammelband erschienen ist.


25.-27.6.2021 Rätebewegung und kommunistische Produktionsweise
Die Rätetheorie im Zusammenhang moderner Vorstellungen einer demokratischen Planwirtschaft
mit Jakob Koekepann (Leipzig)


Konflikt und Ungeduld im Frühling der Weimarer Republik

Konflikt und Ungeduld im Frühling der Weimarer Republik
Veranstaltungsreihe zu den Mitteldeutschen Märzkämpfen 1921
Die Jahre nach der Novemberrevolution blieben von Spannungen geprägt. Die Streiks und bewaffneten Kämpfe dauerten bis ins Frühjahr 1919 hinein, 1920 folgte der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch, und im Frühjahr 1921 erschütterten die „Mitteldeutschen Märzkämpfe“ die junge Weimarer Republik: Nach der Vereinigung mit dem linken Flügel der USPD wurde die KPD (nun zeitweise V-KPD genannt) zu einer Massenorganisation. Die KPD fühlte sich stark – insbesondere im mitteldeutschen Raum, wo ein Großteil der USPD sich in der KPD wiederfand. Und von der Kommunistischen Internationale (also aus Moskau) wurde ein „Offensivkurs“ innerhalb der KPD bestärkt. Aber auch die Linkskommunisten von der KAPD drängten auf ein offensiveres Vorgehen. Anlass der Märzaktion wurde ein von der SPD beauftragter Einsatz militarisierter Polizei gegen Brennholzdiebstahl in Bergwerken und Fabriken sowie zur Aushebung von Waffenlagern im Mansfelder Land. Was als spontane Bewegung gegen diesen Schupo-Einsatz begann, wurde dann zu einer Parteisache: KPD und KAPD riefen zum Generalstreik auf – Max Hölz und Karl Plättner organisierten den revolutionären Bandenkampf. Aber die Aktion mündete in einer fatalen Niederlage, an deren Ende zahlreiche Tote und noch mehr Inhaftierte zu verzeichnen waren. Für die kommunistische Bewegung bedeutete die Märzaktion einen herben Rückschlag – und doch sah sie sich nicht veranlasst, diese Niederlage aufzuarbeiten.

Wenn wir heute auf die Märzkämpfe blicken, stellen sich verschiedene Fragen: Was blieb von den Bestrebungen der Novemberrevolution nach 1919 übrig? Welche Rolle spielten Frauen in dieser Bewegung, was wurde aus ihren Forderungen, die sie im Zuge der Novemberrevolution erhoben hatten?  Welche Konflikte und Debatten spielten sich innerhalb der Arbeiter*innenbewegung ab? Wie kamen kommunistische, syndikalistische und anarchistische Bestrebungen innerhalb dieser Bewegung in Widerspruch zueinander? Inwiefern sind die Märzkämpfe ein Baustein hin zur Stalinisierung der kommunistischen Bewegung? Welche historischen Lernprozesse erfolgten, welche wurden blockiert?

Wir wollen die hundertste Jährung der Mitteldeutschen Märzkämpfe zum Anlass nehmen, diesen Fragen nachzugehen. Dabei soll einerseits an die Ereignisse vor 100 Jahren erinnert und es sollen lokale Geschichten aufgespürt werden. Zum anderen wollen wir Blicke auf den Revolutionszyklus 1918-23, die sozialen und politischen Konflikte in der frühen Weimarer Republik und die damit verbundenen Debatten werfen. Wir wollen diskutieren, welche Bedeutung dieser Teil der Geschichte für uns heute hat.

Max Hoelz und die Revolution in Deutschland

Artikel Daniel Kulla
Max Hoelz und die Revolution in Deutschland
Über den wichtigsten Kopf des Mitteldeutschen Aufstands

Nicht erst wegen Corona ist die Erinnerung an die Revolution in Deutschland vor hundert Jahren blass und verdreht. In den hegemonialen Geschichtserzählungen durfte ihr Kern, die überwiegend selbstorganisierte jahrelange Serie von Massenstreiks und Aufständen, so nicht vorkommen. Auch in der DDR, die das Andenken hochhielt und sich darüber auch zu legitimieren versuchte, überwog eine begradigte, KPD-zentrierte Version der Ereignisse, die vor allem den Anteil der Räte, der USPD und der syndikalistischen Organisationen herunterschrieb.

Das betrifft auch Max Hoelz, der zwar Anfang 1919 die KPD in Falkenstein mitbegründet, dann aber vor allem eine kommunistische Erwerbslosenbewegung lostritt, deren direkte Enteignungs- und Widerstands-Aktionen sie zur Grundlage des Aufstands im Vogtland während der Märzkämpfe 1920 nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch machen und zum offenen Konflikt mit der Partei führen.

Hoelz spricht noch Ende März vor 15.000 Menschen in Plauen über die Ziele der Revolution, die in erreichbare Nähe gerückt seien. Nach der Eroberung des Ruhrgebiets Anfang April bricht jedoch der Arbeiterwiderstand gegen die Reichswehr und damit gegen die Putschtruppen insgesamt zusammen, nur die Rotgardisten um Hoelz halten in der Hoffnung auf weitere Verstärkung aus Sachsen und den umliegenden Regionen noch aus. Hunderte Arbeiter waren bereits nach Falkenstein gekommen, das als letzte bewaffnete rote Bastion galt.

Obwohl sie überzeugt sind, mit ihren Aktionen im Sinne der KPD zu handeln, fordert am 4. April die Bezirksleitung der Partei Hoelz zum Rückzug auf. Als der Rote Vollzugsausschuss in Falkenstein das ablehnt, wird Hoelz am 6. April aus der KPD ausgeschlossen: "Die Bezirkskonferenz der K.P.D. Erzgebirge-Vogtland lehnt den primitiven Kommunismus, der im Vogtland unter Führung von Hölz sich auftut, als überwundenen, den gegenwärtigen Machtverhältnissen des Kapitalismus nicht entsprechend, ab." (Bereits im November 1920 wird die KPD Hoelz wieder als Mitglied aufnehmen.)

Hoelz und die wenige hundert Mann starke Rote Garde sehen die Sinnlosigkeit eines bewaffneten Kampfes gegen die zahlenmäßig wie waffentechnisch weit überlegene Reichswehr und versuchen, sie mit immer drastischeren Drohungen wie der Zerstörung von Betrieben und Villen abzuschrecken. Anfang April erklären sie: "Man hat uns gelehrt, dass die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln (Erfurter Programm) Voraussetzung sei für den Aufbau der sozialistischen Ordnung, man hat uns gelehrt, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, und man will nun wieder uns die Waffen entreißen, um sie denen zu geben, die die Befreiung der Arbeiterklasse, unser alleiniges Ziel, nicht wollen können."

Um aussichtslose Kämpfe und Blutvergießen zu vermeiden, jedoch auch, um sich als bewaffnete Macht zu erhalten, zieht sich die Rote Garde am 11. April schließlich in Richtung Klingenthal zurück und geht auf der ČSR-Seite in Gefangenschaft, Hoelz selbst muss wegen verbotenen Waffenbesitzes vier Monate ins Zuchthaus.

Im Frühjahr 1921 wird Hoelz zur zentralen Figur des Mitteldeutschen Aufstands ("Märzaktion der KPD"), an den nächstes Jahr zu erinnern sein wird. Hoelz, der nun der KAPD angehört, führt die Kämpfe im Mansfelder Land und wird nach der Niederschlagung des Aufstands inhaftiert. Die Kampagne für seine Freilassung ist eine der ersten großen Aktionen der Roten Hilfe. Hoelz, wieder in der KPD, geht in die Sowjetunion, feiert dort mit Erich Honecker Silvester, arbeitet im Bergbau und spricht sich für einen offenen Kampf gegen die Nazis aus. Er stirbt unter bis heute nicht geklärten Umständen im September 1933, auch wenn seine Ermordung durch die GPU naheliegt.

Die DDR tat sich schwer mit der Erinnerung an ihn. 1974 kommt die großartige Groteske "Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten" ins Kino, die ihn als gutmeinende, aber tragische Witzfigur vorführen soll, wohl aber eher zu seiner Popularität beiträgt. Sie ist als Impression der fast verschwundenen Revolutionsgeschichte und ihres Nachwirkens trotz der historischen Kosmetik (Hoelz geht nicht in die SU, Tod ist als Selbstmord angedeutet usw.) sehr zu empfehlen, der DVD-Ausgabe ist zudem umfangreiches dokumentarisches Material beigefügt. Zu Hoelz 100. Geburtstag im Oktober 1989 erschien eine DEFA-Dokumentation, in der die Selbstmordthese vorsichtig in Zweifel gezogen wurde, und in Falkenstein wurde ein Hoelz-Denkmal eingeweiht. Diese öffentliche Würdigung währte nicht lange: Bereits im Februar 1990 liess der neu gewählte CDU-Bürgermeister das Denkmal wieder entfernen. Heute erinnert in Falkenstein ein ehrenamtlich betriebenes Museum an den „Kesselheizer der Revolution“.

Daniel Kulla

Link zur DEFA-Dokumentation „Max Hoelz – der rote Rebell“ (1989):

https://www.youtube.com/watch?v=lwheIsAGLAI

Unabgegoltenes.Politikverständnis bei Paul Levi

Jörn Schütrumpf in UTOPI kreativ Heft 150 S. 330-342

"Das ist ein System, das alles Vertrauen zu gegenseitiger Arbeit aufbeiden Seiten, bei der Exekutive wie bei den angeschlossenen Par-teien, untergraben muss. Zu einer politischenLeitung sind diese Ge-nossen zumeist unverwendbar, auch zu wenig vertraut. So ergibt sichder trostlose Zustand: eine politische Leitung vom Zentrum fehlt.«28Diese Zeilen schrieb Levi am 3. und 4. April 1921, unmittelbar nachdem Mitteldeutschen Aufstand der KPD. Zu diesem Zeitpunkt war erschon seit vier Wochen nicht mehr Vorsitzender dieser Partei; aus Pro-test gegen die Spaltungspolitik der Kommunistischen Internationalein der Kommunistischen Partei Italiens und da seine Einsprüche imVorfeld gegen diese Politik in Moskau ungehört verhallt waren, hatte er sein Amt niedergelegt.

....Ob Levi zurückgetreten wäre, hätte er geahnt, daß die Kommunistische Internationale seine Partei in das Abenteuerdes Mitteldeutschen Aufstandes hineintreiben würde, muß Spekulation bleiben. Nach der sinnlosen Hinopferung von Leben brach er jedenfalls sein Schweigen"(s.S. 334 )