Publikation Deutsche / Europäische Geschichte Max Hoelz und die Revolution in Deutschland

Über den wichtigsten Kopf des Mitteldeutschen Aufstands. Nicht erst wegen Corona ist die Erinnerung an die Revolution in Deutschland vor hundert Jahren blass und verdreht. In den hegemonialen Geschichtserzählungen durfte ihr Kern, die überwiegend selbstorganisierte jahrelange Serie von Massenstreiks und Aufständen, so nicht vorkommen.

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Bundesarchiv: Märzkämpfe Plakatwand

Max Hoelz und die Revolution in Deutschland
Über den wichtigsten Kopf des Mitteldeutschen Aufstands

Nicht erst wegen Corona ist die Erinnerung an die Revolution in Deutschland vor hundert Jahren blass und verdreht. In den hegemonialen Geschichtserzählungen durfte ihr Kern, die überwiegend selbstorganisierte jahrelange Serie von Massenstreiks und Aufständen, so nicht vorkommen. Auch in der DDR, die das Andenken hochhielt und sich darüber auch zu legitimieren versuchte, überwog eine begradigte, KPD-zentrierte Version der Ereignisse, die vor allem den Anteil der Räte, der USPD und der syndikalistischen Organisationen herunterschrieb.

Das betrifft auch Max Hoelz, der zwar Anfang 1919 die KPD in Falkenstein mitbegründet, dann aber vor allem eine kommunistische Erwerbslosenbewegung lostritt, deren direkte Enteignungs- und Widerstands-Aktionen sie zur Grundlage des Aufstands im Vogtland während der Märzkämpfe 1920 nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch machen und zum offenen Konflikt mit der Partei führen.

Hoelz spricht noch Ende März vor 15.000 Menschen in Plauen über die Ziele der Revolution, die in erreichbare Nähe gerückt seien. Nach der Eroberung des Ruhrgebiets Anfang April bricht jedoch der Arbeiterwiderstand gegen die Reichswehr und damit gegen die Putschtruppen insgesamt zusammen, nur die Rotgardisten um Hoelz halten in der Hoffnung auf weitere Verstärkung aus Sachsen und den umliegenden Regionen noch aus. Hunderte Arbeiter waren bereits nach Falkenstein gekommen, das als letzte bewaffnete rote Bastion galt.

Obwohl sie überzeugt sind, mit ihren Aktionen im Sinne der KPD zu handeln, fordert am 4. April die Bezirksleitung der Partei Hoelz zum Rückzug auf. Als der Rote Vollzugsausschuss in Falkenstein das ablehnt, wird Hoelz am 6. April aus der KPD ausgeschlossen: "Die Bezirkskonferenz der K.P.D. Erzgebirge-Vogtland lehnt den primitiven Kommunismus, der im Vogtland unter Führung von Hölz sich auftut, als überwundenen, den gegenwärtigen Machtverhältnissen des Kapitalismus nicht entsprechend, ab." (Bereits im November 1920 wird die KPD Hoelz wieder als Mitglied aufnehmen.)

Hoelz und die wenige hundert Mann starke Rote Garde sehen die Sinnlosigkeit eines bewaffneten Kampfes gegen die zahlenmäßig wie waffentechnisch weit überlegene Reichswehr und versuchen, sie mit immer drastischeren Drohungen wie der Zerstörung von Betrieben und Villen abzuschrecken. Anfang April erklären sie: "Man hat uns gelehrt, dass die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln (Erfurter Programm) Voraussetzung sei für den Aufbau der sozialistischen Ordnung, man hat uns gelehrt, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, und man will nun wieder uns die Waffen entreißen, um sie denen zu geben, die die Befreiung der Arbeiterklasse, unser alleiniges Ziel, nicht wollen können."

Um aussichtslose Kämpfe und Blutvergießen zu vermeiden, jedoch auch, um sich als bewaffnete Macht zu erhalten, zieht sich die Rote Garde am 11. April schließlich in Richtung Klingenthal zurück und geht auf der ČSR-Seite in Gefangenschaft, Hoelz selbst muss wegen verbotenen Waffenbesitzes vier Monate ins Zuchthaus.

Im Frühjahr 1921 wird Hoelz zur zentralen Figur des Mitteldeutschen Aufstands ("Märzaktion der KPD"), an den nächstes Jahr zu erinnern sein wird. Hoelz, der nun der KAPD angehört, führt die Kämpfe im Mansfelder Land und wird nach der Niederschlagung des Aufstands inhaftiert. Die Kampagne für seine Freilassung ist eine der ersten großen Aktionen der Roten Hilfe. Hoelz, wieder in der KPD, geht in die Sowjetunion, feiert dort mit Erich Honecker Silvester, arbeitet im Bergbau und spricht sich für einen offenen Kampf gegen die Nazis aus. Er stirbt unter bis heute nicht geklärten Umständen im September 1933, auch wenn seine Ermordung durch die GPU naheliegt.

Die DDR tat sich schwer mit der Erinnerung an ihn. 1974 kommt die großartige Groteske "Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten" ins Kino, die ihn als gutmeinende, aber tragische Witzfigur vorführen soll, wohl aber eher zu seiner Popularität beiträgt. Sie ist als Impression der fast verschwundenen Revolutionsgeschichte und ihres Nachwirkens trotz der historischen Kosmetik (Hoelz geht nicht in die SU, Tod ist als Selbstmord angedeutet usw.) sehr zu empfehlen, der DVD-Ausgabe ist zudem umfangreiches dokumentarisches Material beigefügt. Zu Hoelz 100. Geburtstag im Oktober 1989 erschien eine DEFA-Dokumentation, in der die Selbstmordthese vorsichtig in Zweifel gezogen wurde, und in Falkenstein wurde ein Hoelz-Denkmal eingeweiht. Diese öffentliche Würdigung währte nicht lange: Bereits im Februar 1990 liess der neu gewählte CDU-Bürgermeister das Denkmal wieder entfernen. Heute erinnert in Falkenstein ein ehrenamtlich betriebenes Museum an den „Kesselheizer der Revolution“.

Daniel Kulla


Link zur DEFA-Dokumentation „Max Hoelz – der rote Rebell“ (1989):

https://www.youtube.com/watch?v=lwheIsAGLAI